treibhaus kommt rum – diesmal: Lichterfahrt auf dem Main

Eine Schifffahrt, die ist lustig
Was ich am Konzeptionerjob so mag? Dass wir auch dann noch arbeiten, wenn wir eigentlich Urlaub machen oder unseren Hobbys nachgehen. Kulturveranstaltungen sind fester Bestandteil im Treibhausprogramm und immer wieder ein Highlight. Wenn ich sie mit etwas vergleichen müsste, dann wäre das eine Kombination aus Gourmetessen und Varieté. Denn hier gibt sich der gastgebende Volontär alle Mühe, die schmackhaftesten Delikatessen aus der reichen Kulturkarte seiner Stadt für uns herauszusuchen und uns so einen 100% exklusiven und inspirierenden Nachgang zu liefern. Und gleichzeitig haben wir den ungefilterten Blick auf das Publikum, das sich feudal großzügig vor uns zur Schau stellt. Für Konzeptioner sind diese Veranstaltungen wie ein Fünfer im Lotto: ein ungefilterter Blick hinter die Fassaden der Zielgruppen, mit denen wir und für die wir täglich arbeiten. Diese Veranstaltungen zeigen, was funktioniert und was nicht.

Treibhaus-Wochenende Nummer 9, Frankfurt am Main, eiserner Steg, 21.45 Uhr. Wir schreiben einen herrlich lauen Sommerabend im Juli. Das Treibhaus trifft sich mit Johann Wolfgang von Goethe. Oder besser gesagt, seinem Schiff.
Anstehen für Johann Wolfgang von Goethe
Wir wollen etwas über das Lichtbeleuchtungskonzept der Stadt Frankfurt erfahren. Zum Hintergrund: Frankfurt am Main ist eine der wenigen deutschen Städte, die die City so beleuchten dürfen, wie sie wollen. Brücken, Gebäude und Hochhäuser schaffen bei Nacht nicht nur eine stimmige, romantische Atmosphäre, sondern erzählen auch von Marken und Geschichten.
Stadtkulisse Frankfurts bei Nacht
Beim Einstieg auf das Schiff schreit das konzeptionelle Detektivsystem: “Massentourismus, Massentourismus, Massentourismus!”. Neben Spaniern, Engländern und Chinesen werfen sich Paare verführerische Blicke zu. Feierwütige Junggesellinnen leeren die Reste ihrer Tequilaflasche und Geburtstagskinder jubeln mit einer ganzen Crewmannschaft im Gleichklang. Vertreten ist demografisch so ziemlich alles, was um diese Uhrzeit noch das Haus verlässt. Die Erstürmung der Bastille scheint auf einmal nichts gegen uns, die wir hektisch an den ausländischen Touristen vorbei hetzen und uns in typisch deutscher Manier den letzten Tisch auf Deck sichern. Unseren Sieg begießen wir mit Frankfurts goldenem Göttersaft – dem Apfelwein. Auf unserer Haut kitzeln die letzten Sonnenstrahlen des Abend. Die Kellner bahnen sich den Weg durch die lautstark johlenden Massen und drängen auf eine Bestellung. Biergartenstimmung überall, wohin man sieht.
Wir warten an unserem Tisch auf den Kellner
Johann Wolfgang von Goethe legt ab. Im Hintergrund hört man die Umrisse einer männlichen Märchenstimme, die einen sofort in Kindheitserinnerungen schwelgen lässt. Moment mal, ist das etwa unser Guide? Was sagt der eigentlich? Zwei Tische weiter vorn lachen die Junggesellinnen. Hinten hört ein Harem eine arabische Spotify-Playlist. An der Straße fährt der Notarztwagen mit tosenden Sirenen vorbei und ganz vorn stimmt die Geburtstagscrew ein krummes und schiefes Ständchen mit Wunderkerzen an. Ich bin fasziniert und abgelenkt von den brennenden Kerzen und dem rauchigen Geruch. Dann aber – urplötzlich –  denke ich an meine wahre Bestimmung dieses Abends: dieser verflixte Blogpost fürs Treibhaus! Ich flüchte mich verzweifelt unter die Lautsprecher. Daraus spricht ein Audioguide-Mann in monotoner Tenorstimme den deutschen Part, eine Frau in Sopranstimme den Englischen. Bald schalte ich ab. Und ich frage mich: “Wieso? Wieso höre ich nicht zu? Und wieso interessiert das Gerede ganz offensichtlich auch mindestens 90% der anderen Bordgäste nicht?” Die Sprecher zählen ganz schön viele Zahlen von Lampen auf, die in den einzelnen Brücken verbaut sind. Mit einigen schönen Wörtern und netten Spachbildern fassen sie noch mal das zusammen, was wir gerade schon sehen. Ein Text, geschrieben, um wieder vergessen zu werden. Ein archäologisches Fundstück einer ungeölten Sprachschatzkiste – angereichert mit Archaismen, komplizierten Schachtelsätzen, monotonen Redeflüssen und einem musikalisch so feinem Piano, das man eine Schleiereule sein müsste, um es zu verstehen. “Warum”, frage ich mich, “hat sich eigentlich noch keiner beschwert? Warum bezahlen die alle für etwas, von dem sie nachher nichts mehr wissen?”

Und da blicke ich mich zum ersten Mal richtig um. Und mir fällt etwas ganz Bestimmtes auf. Ich entdecke es in der Ecke, ich entdecke es hinten und vorne, oben und unten. Es treibt das Adrenalin gewaltig in die Höhe. Es lässt die Köpfe rauchen. Es veranlasst die Menschen hektisch hin und her zu irren und Grimassen zu ziehen. Es nennt sich: Selfophilie! Das ist sowas wie Objektophilie, nur eben mit der vorderen Smartphonkamera. Zur Fütterung des hungrigen Facebook-Profils, des verfressenen Instagram-Auftritts und der verwöhnten Snapchat-Story suchen viele nach ihrem perfekten Wochenendbild. Das sieht gar nicht so einfach aus: Positionieren, Bild machen, Bild machen, Haare gerade rücken, Bild machen, nach rechts gucken, Bild machen, Lippenstift auflegen, Bild machen, nach unten gucken, Bild machen, Bilder durchscollen, Bilder deprimiert löschen, Bild machen, Bild machen, Handy neu positioneren, Bilder angucken, weiterscrollen, Bild löschen, neues Bild machen usw…
  Die Displays auf dem Schiff machen der Lichtinszenierung am Ufer gewaltig Konkurrenz
Nur die Kellner wagen es, dieses abendliche Spektakel zu unterbrechen. Sie schreien drei Mal “‘tschuldigung, können sie bitte mal zur Seite?” und schubsen die selbstbeschäftigten Selfophilen dann verärgert aus dem Weg. Traurig wirken neben ihnen die älteren Bordgäste, die mit ihren Nikons und Canons allemal ein Bild vom Zug machen, der gerade die Brücke passiert.

  Zugegebenermaßen: Als das Schiff dreht und wir die ganze Stadtkulisse sehen, sind auch wir im Selfie-Rausch.
Nach der Hälfte der Fahrt spürt man deutlich: Die Luft ist raus. Die Menschen an Bord sehen geschaffter aus als die Triathlon-Läufer auf den letzten Metern beim Iron-Man. Und es wird so leise, dass ich sogar von meinem Platz aus die Lautsprecher verstehe. Die Menschen kauern auf ihren Stühlen und gucken sich mehr oder weniger zufrieden ihre künstlerischen Meisterleistungen des Tages an. Oder sie geben einfach auf. Das Treibhaus findet zum Platz zurück und schlürft die letzten Schlücke des übrigen Apfelweins. Junggesellinnen schlummern auf den Schößen ihrer Escortboys. Die Liebespaare kuscheln sich aneinander und küssen sich zärtlich. Zum Ende scheint es, als würden sich alle zum ersten Mal auf das Erlebnis Schifffahrt und Mainlichter einlassen und einfach nur die Stimmung genießen. Als das Schiff anlegt, schleppen wir uns langsam und müde hinaus.
Wir genießen die letzten Minuten mit Johann Wolfgang von Goethe
Warum funktioniert diese Schifffahrt trotzdem? Warum macht sie Spaß? Weil sie ein interaktives Erlebnis ist. Eine Fahrt für ein selbstgemachtes Souvenir, das man mit in die sozialen Medien nimmt – das eine klare Botschaft an die Verbliebenen in China, Spanien oder Russland sendet: Ich war hier. Ich habe gelebt. Mir geht es gut. Ein Souvenir von sich selbst auf einem Schiff, vor einer romantischen Kulisse mit Sonnenuntergang und Stadtbeleuchtung. Ein harmonisches Bild. Niemand in den sozialen Medien wird von der Hektik, den vielen Anläufen und den Schweißtropfen ahnen, die dieses eine Bild gekostet haben. Sie werden nicht wissen, wie viel Zeit dafür geopfert wurde. Das Learning aus diesem Abend auf den Punkt gebracht: Content war gestern, der wahre King ist die eigene, visuelle Social Story – zumindest im Massentourismus.
Die Autorin:
Laura Maria Rudolph, Volontärin bei VOK DAMS, spart noch auf eine gute Frontkamera für die eigene Selfiejagd.

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