Archiv der Kategorie: Allgemein

ADC-Nachlese 2019: Kreative Unabhängigkeit

Natasha Jen ist eine preisgekrönte Designerin und Pädagogin. Geboren in Taiwan, ist sie seit 2012 Partnerin in der New Yorker Agentur Pentagram. Taiwan versus New York sind wie Kollektivismus versus Individualismus. Diese Polarität prägt Natasha Jens Biografie.

Am ADC Festival im Hamburg spricht Natasha Jen nicht über die Thematik «Design Thinking Is Bullsh*t», sondern über die Geschäftsstrukturen einer Design Agentur wie Pentagram. Pentagram ist eine Designer Republik. Im Fokus stehen Freiheit, Gemeinschaft und Unabhängigkeit. Natasha Jen verdeutlicht die Wichtigkeit der leidenschaftlichen Designer als Gut jeder Agentur. Die Talente im Vordergrund (Bottom-up) fungieren unabhängig und die klassischen Hierarchien einer Geschäftsstruktur (Top-down) werden aufgebrochen. Denn der Profit jedes einzelnen wird zusammengetragen und an alle gleichermaßen wieder aufgeteilt. «Share but independent creative», so die Vision von Pentagram und Natasha Jen.

Enttäuscht, wo das Statement zum allseits gehypten Design-Thinking-Prozess bleibt? Nun ja, nehmt euch 15 Minuten Zeit und zieht euch diesen Video-Content rein: https://99u.adobe.com/videos/55967/natasha-jen-design-thinking-is-bullshit.
Autorin:

Laura Eberspächer, Junior Brand Manager bei standing ovation, Zürich

ADC-Nachlese 2019: Newsflash: KI erweckt Tote zum Leben

Naja, so ähnlich. Alan Kelly präsentiert beim ADC Kongress seinen spektakulären Case „JFK unsilenced“. Der Chief Creative Director der irischen Agentur Rothco erweckte John F. Kennedys Stimme wieder zum Leben.
Mithilfe von Unmengen an Daten und künstlicher Intelligenz ist es der Accenture-Interactive-Tochter gelungen, jene Rede zu rekonstruieren, die Präsident Kennedy am Tag seiner Ermordung am 22. November 1963 in Dallas halten wollte. Ein Projekt, geboren aus einem „What if…“ Moment, wurde zu einer „Story of not giving up“ – mit Rotwein als einem treuen Begleiter. Besonders emotional wurde es, als der Tochter des Redenschreibers das Ergebnis vorgespielt wurde. Zunächst fassungslos – „Oh my god, it’s him!“, dann mit einer hoch gezogenen Augenbraue, als sie diese Rede mit denen des aktuellen Präsidenten Trump verglich. Unvorstellbar, welche Gefühle es in ihr ausgelöst haben muss. Diese Rede, die ihr Vater handschriftlich niederschrieb und nach dem Attentat in der Küche aufhing. Eine Rede, die nie vorgetragen werden konnte. Ein vermeidlich nie wahr werdender Traum, eine Utopie, wurde mithilfe einer KI und dem Team um Alan Kelly endlich Wirklichkeit. Erstaunlich, wie relevant und zeitgemäß Kennedys Worte auch heute noch sind.
Kelly schloss seinen Vortrag mit einem Appell: Auch wenn der Weg zum Verwirklichen einer Idee ein schwerer sein kann – „Never give up (Redwine).“

Autor:
Karsten Göke, Volontär bei George P. Johnson, Ostfildern

 

ADC-Nachlese 2019: Can AI be considered as an artist?

Kann eine KI Kunst erschaffen? Kann ein Algorithmus kreativ sein? Diesen Fragen widmete sich der Vortrag von Pierre Fautrel. Er bildet zusammen mit zwei weiteren Personen das Kollektiv Obvious. Gemeinsam entwickelten sie einen Algorithmus, der mit einem Datensatz von 15.000 Portraits, die zwischen dem 14. und 20. Jahrhundert entstanden sind, gefüttert wurde. Bei diesem Algorithmus treten zwei konkurrierende Teile gegeneinander an, der Generator und der Discriminator. Auf Basis des Datensatzes erstellt der Generator solange Bilder, bis der Discriminator das Bild für von Menschen geschaffen hält. So entstand das verschwommene Bild von Edmond de Belamy und einige weitere Bilder der fiktiven Belamy Familie. Der Druck von Edmond wurde beim Auktionshaus Christies für 432.000$ (!) verkauft. Doch kann nun ein Algorithmus kreativ sein? Laut Pierre kann zwar eine KI Kunst produzieren, jedoch kann sie nicht kreativ sein, denn Kreativität ist Menschen vorbehalten. Jedoch sagte er auch, dass man diese Frage nicht klar beantworten kann. Diese Interpretation bleibt jedem selbst überlassen, denn jeder Mensch hat eine andere Definition von Kunst und Kreativität. Ich persönlich stimme mit seiner Aussage überein – Kunst ja, Kreativität nein. Und was meint ihr?

Autor:
Tristan Rebischke, Volontär bei planworx, München

Über den Future-Code der (Arbeits-)Welt … und einen spannenden Tag bei CB.e

„Morgen ist eh alles anders.“
Wir befinden uns in einer Phase der Digitalisierung, die von Hypes und Ängsten dominiert ist. Schlagworte wie Blockchain, Robotic, Big Data und künstliche Intelligenz verändern radikal unsere Lebens- und Arbeitssysteme und stellen uns und unsere Kunden vor neue Herausforderungen.

Was bedeutet es wirklich, in einer „digitalisierten“ Welt zu leben und zu arbeiten?
Für Michael de Gelmini, Leiter des Creative Department bei CB.e, ist die Sache ziemlich klar: Den Sprung ins digitale Heute und Morgen schafft nur, wer in der Lage ist anders zu denken, etablierte Strukturen zu verlassen und seine Produkte und Prozesse neu zu erfinden. China und San Francisco machen es vor. Hier steuern Algorithmen schon längst komplexe Verkehrssysteme. Träge Unternehmen, die sich selbstgerecht und zukunftsblind auf bisherigen Erfolgen ausruhen, werden früher oder später von der pfeilschnellen, agileren Konkurrenz überholt. Sicherheitsdenken ist gefährlich und hemmt Innovation.

Fortschritt gelingt durch Fortsprint.
Der Begriff „Disruption“ ist in diesem Zuge zu einer Art Schreckgespenst mutiert. Die heutige Debatte verkürzt die Zukunft auf das katastrophische Modell und die Angst, von der Substitution durch automatisierte Systeme betroffen und bald ohne Arbeit zu sein, ist groß. Dennoch geben Experten Grund zur Entwarnung: Disruptive Prozesse laufen viel natürlicher ab, ähnlich wie die der Biologie. In der Evolution der Arten kommt es auch immer wieder zu gewaltigen Umschwüngen und Kaskaden, in denen neue Spezies auf der Bildfläche erscheinen und alte verschwinden. Evolution ist spontan, füllt jede Nische und erfindet sich immer wieder neu. Durch den evolutionären Drift werden biologische Systeme und Spezies ständig komplexer und interdependenter. Diese Vorgangsweise lässt sich auf heutige Unternehmen übertragen.

Organisationen verhalten sich ähnlich wie biologische Organismen.
Sie sind vielschichtige Entitäten und weisen einen hohen Grad an Adaptivität auf. Sie sind demnach sehr wohl agil und lernfähig. Analog findet Evolution durch permanente Störung statt. Komplexe Organismen brauchen ein starkes Immunsystem, und diese Immunsysteme müssen ständig „trainiert“ werden – durch Infektionen, oder in der Wirtschaftswelt: durch Krisen. „Disruption“ ist so gesehen nur eine Information, die zur Veränderung anregt. Richtig verstanden also eine konstruktive Störung. Dieser auch als „Technolution“ bezeichnete aktuelle Wandel der Arbeitswelt erfordert also vielmehr ein Teamplay mit Technologie. Mensch und Maschine sollten nicht als Konkurrenten, sondern als Partner mit komplementären Stärken agieren.

Knotenpunkt sein statt Einzelkämpfer.
Um nicht Opfer, sondern Gestalter des Digitalen zu werden, muss der unternehmenseigene „Future Code“ erkannt werden. Dazu bedarf es vor allem der Orientierung an der eigenen Identität, der Pflege langfristiger Partnerschaften und einer gelebten, offenen Führung und Kultur. Echte Innovation entsteht nur dort, wo Spielräume für exploratives und achtsames Denken und Handeln vorhanden sind. Erfolgreich in einer vernetzten Wirtschaft werden jene Unternehmen sein, die sich als Teil verschiedener Ökosysteme begreifen und ihre interne und externe Anschlussfähigkeit erhöhen.

Für die kommenden Jahrzehnte prophezeit die aktuelle Zukunftsforschung übrigens die Entstehung eines neuen Menschentypus: Dem „Homo ex Data“, dem datenbasierten Menschen. Ausgestattet mit und umgeben von Sensoren werden wir Teil einer „biokünstlichen“ Realität, in der künstliche und natürliche Systeme miteinander kooperieren. Als Teil einer Welt, die nach absoluter Transparenz strebt und durch universellen Datentransfer organisiert werden wird. Aber mal langsam … ganz so weit sind wir ja im Moment ja noch nicht. Und ich muss sagen, zum Glück … 🙂

Die Autorin:
Isabell Rütten hat Wirtschaftspädagogik an der Uni studiert. Nach der Uni sammelte sie zunächst
Textererfahrung in der Digitalagentur denkwerk und wurde DJane und Veranstalterin von rheinrhythmik. Ins treibhaus-Glück startet sie aktuell in der Kölner Niederlassung von insglück.

Wo ist der Call to Action?

„Gesellschaftspolitische Kommunikation“ steht auf dem Programm – ein vielversprechender Titel. Neugierde, Erwartung, Fragezeichen auch. Vor allem nach 6 Monaten Pharma, Auto, schneller höher weiter. Endlich die gute, die relevante Sache.

Zur Sache spricht Mark Daniels, ein Berater, CD und Teamleiter bei neues handeln, einer Kommunikationsagentur für den Non-Profit-Bereich. Die allseits bekannte Organspende-Ausweis-Origami-Kampagne stammt aus ihrer Feder, aber auch eine Vielfalt weiterer Cases für Ministerien, NGOs, Stiftungen und sogar Lebensmittel-Konzerne. Solange es kein so genanntes Greenwashing ist. Denn das ist nicht authentisch.

Ich erfahre die Unterschiede zwischen Profit und Non-Profit. Anhand von praktischen Beispielen. Beim Non-Profit steht – verkürzt gesagt – nicht triviale Absatzförderung auf dem Plan. Vielmehr die „Sensibilisierung für wichtige Themen“ oder auch die „Anregung zur Meinungsbildung“.

Wenn hier auf dem Plakat „Egal wie Sie ihn tragen, Hauptsache Sie haben ihn.“ steht, geht es nicht etwa darum mich zum Organspender zu machen, sondern darum, dass ich mir eine Meinung zum Thema Organspende bilde. Wenn auf einem anderen Plakat „Kein Krieg auf meinem Körper“ steht, geht es nicht darum, dass ich Geld spende oder tatkräftig unterstütze – es geht darum, mich ganz generell für das Thema Gewalt an Frauen in Kriegen zu sensibilisieren.

Finde ich argumentativ nicht überzeugend. Was genau soll ich jetzt machen?! Für mich klingt das nach mangelnder Zuspitzung. Und auch nicht authentisch – obwohl gerade das ja scheinbar so wichtig ist. Offensichtlich hab ich da was nicht kapiert. Das bleibt auch bis zum Ende des Workshops so. Nein, sogar bis zum Ende des Abends inklusive kontroverser Diskussion mit Mit-Treibhäuslern. Was ist wohl der kommunikative Unterschied zwischen Profit vs. Non-Profit? Beim Reflektieren über die gesehenen Cases bringt’s eine Kommilitonin auf den Punkt: Fehlt da nicht der Call to Action? Ist zwar schnöder Marketing-Sprech, aber Bingo!

Kauf mein Auto, wähle meine Partei, billige mein Gesetz, befolge mein Gesetz, Spende für meine NGO, oder Dein Organ – geht es nicht immer darum, eine Haltung zu festigen oder zu ändern? Um so zum Handeln zu bringen? Ob direkt „Nur noch wenige verfügbar“ oder indirekt „me Convention“ ist eine Frage der Rhetorik, keine Frage von Profit oder Non-Profit. Oder gar Authentizität.

Oder ich hab ich da etwas Fundamentales nicht verstanden?
Das hier ist übrigens meine „Anregung zur Meinungsbildung“.

Der Autor:
David Hartgenbusch ist beharrlicher Design-Student an der KISD (TH-Köln), gelernter Mediengestalter und hat auch mal kurz Architektur studiert. MATT CIRCUS brachte ihn zur Live-Kommunikation, derzeit arbeitet er als Junior-Konzeptioner bei FEDERFREI.

Mach es machbar und die Regie ist dankbar!

„State of the art“, „talk of the town“ oder „out of the box“ sind nicht nur irgendwelche englischen Phrasen. Jeder in der Kommunikationsbranche hat sie schon einmal gesagt. In meinen Ohren klingen sie bereits wie die Grundgesetze der kreativen Konzeption. Die Idee haben, sie entwickeln und verkaufen macht den Konzeptioner-Beruf aus. Aber wo fängt die große Liebe an?

Bei den Erlebnissen. Denn das schönste an Veranstaltungen ist das Erleben. Während wir so an unseren Konzepten herumtüfteln, versuchen wir uns stets vorzustellen wie sich das Ganze wohl anfühlen kann, soll, wird. In diesen Gedanken fühle ich mich besonders wohl. Während ich in meinem persönlichen Brainstorming-Tagtraum so vor mich hin denke, höre ich immer wieder und immer lauter die Stimme der Realität, die flüstert: „Mach es machbar!“ Ich hasse sie, aber ich brauche sie, sonst wird das Konzept nicht zum Erlebnis.

Deshalb ist es umso besser, dass wir in der Treibhaus-Ausbildung Menschen wie Lienhard Schäfer kennenlernen. Er ist Ablaufregisseur. Ohne ihn geht gar nichts. Das wird jedem spätestens vor Ort klar. Er weiß was der Inszenierung gut tut und was nicht. Er kennt die Stolpersteine. Er versteht die Kunden, die Stars, die Protagonisten, die Mitarbeiter und ganz wichtig: die Besucher. Und er weiß sie alle zu koordinieren. Das große Ganze ist das Ziel. Da muss alles stimmen. Der Ablaufregisseur ist der Dirigent der Veranstaltung. Der Konzeptioner übergibt dem Ablaufregisseur für das Event das Zepter und vertraut auf eine reibungslose Performance des Konzepts auf dem Event. Dafür muss der Regisseur darauf vertrauen, dass der Konzeptioner die bestmögliche Umsetzbarkeit mitgedacht hat. Da wären wir wieder bei der Stimme der Realität.

Location, Raumplanung, Gästeflow, Raum- und Bühnengestaltung, Licht, Ton, Medien, Effekte, Interaktion und Akteure. Das alles sind Disziplinen, die Konzeptioner verstehen und berücksichtigen müssen. So stehen sie als die Erfinder der Veranstaltungen mit den Experten jeder Disziplin in enger Zusammenarbeit und in der Verantwortung für das Erlebnis. Das klingt für mich nach einer wunderschönen Aufgabe, der wir nur gerecht werden können, wenn wir bereits in der Ausbildung jedes Event, das wir mit entwickelt haben, tatsächlich erleben. Oder kennt ihr sehr gute Köche, die ihre Speisen nicht selbst probieren?

Die Autorin:
Anja Schwarz studierte Theater- und Medienwissenschaften und Ökonomie, bevor sie in einem Auslandspraktikum im Libanon erste Erfahrungen in der Konzeption und Durchführung von Jugendveranstaltungen zur Konfliktlösung sammelte. Sie hat ein Faible für Performancekunst und liebt das Tanzen. Ideenfeuerwerke zündet sie nun als Volontärin der Konzeption bei CB.e in Berlin.

Anmerkung: Soweit in diesem Text Berufs- Gruppen- und/oder Personenbezeichnungen Verwendung finden, so ist stets die genannte männliche und de weibliche Form gemeint. Daher wird bewusst von einer genderneutralen Ausdrucksweise abgesehen.