Bis der Arzt kommt

Erst Kalauer und Lebenshilfe, dann Kritik an der Werbebranche: Dr. Eckart von Hirschhausen sprach auf dem Festival des Art Directors Club Deutschland (ADC). So richtig passt er da nicht rein: Dr. Eckart von Hirschhausen steht mit Zauberstab und Plüschpinguin auf der Bühne. Aber thematisch? Zuvor hatte Andrew Keller, Global Creative Director bei Facebook, darüber gesprochen, wie sich Werbung noch zielgruppenspezifischer — also effektiver — in Soziale Netzwerke einbinden lässt. Später würde der Neurowissenschaftler Moran Cerf einige Tipps geben, wie sich Konsumenten „hacken“, also: wie sie durchschaubarer werde und sich dadurch besser beeinflussen lassen. Und da meinte ein wenig begeisterter Hirschhausen, dass umgedacht werden muss: „Weil wir ständig kaufen, was wir nicht brauchen, von Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen.“
 
Wachstumseuphorie? Nicht mit diesem Doc. Viel ist nicht immer gut und mehr nicht besser. Das einzige große Wachstum im menschlichen Körper sei: Das von bösartigen Krebszellen. Also müsse die New Economy grundlegend hinterfragt werden. Das sind durchaus mutige Worte vor einem Publikum aus Gästen, die eben diesen Job haben: Etwas zu verkaufen. Wenn Hirschhausen also gezielt auf die Markenerneuerung der Lufthansa eingeht, die er nicht nachvollziehen kann, die ihn eher abstößt (Warum nach Timbuktu reisen, wenn man noch nicht einmal die Umgebung seines Wohnortes so richtig kennt?) — dann wird er zum einzigen Speaker des Festivals, der aneckt und kritisiert. Auch mit der großen Sinnfrage: Was macht ihr hier überhaupt?
 
Antwort: Dem Doktor zuhören, der ein wenig therapieren möchte. Der davon abrät, andauernd stumpf ins Smartphone zu glubschen, um mal besser das Gegenüber im Bus zu bewundern. Der nichts schlimmer findet als starre Hierarchien, die keinen Raum für Kreativität lassen. Das sind zwar Standard-Ratschläge, die jeder gutheißt, vom Yoga-Lehrer bis zur Großmutter, die aber trotzdem (oder gerade deswegen) besonders gut im Publikum ankommen. Vielleicht auch, weil sich die Gäste dachten: Ach, da schau an, der spricht endlich aus, was ich mir den lieben langen Tag schon denke.
 
Der Autor:
Maximilian Ginter absolviert sein Treibhaus 0.8-Volontariat im Concept Development bei Jazzunique, Frankfurt. Er ist Master of Arts der Journalistik und Kommunikationswissenschaft.
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