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treibhaus kommt rum – Folge 2

Panahis Taxi im Rückspiegel

Ich nahm ein Taxi, um zur Premiere von Jafar Panahis Taxi zu kommen. Dass mein Taxifahrer auch noch gebürtiger Iraner war, war ein unglaublicher Zufall. Solche Fügungen, dachte ich mir, passieren doch nur im Film.

Der iranische Regisseur wird zum Taxifahrer, weil er in seinem Heimatland Berufsverbot hat. Um doch einen Film zu drehen, nimmt er mit einer am Armaturenbrett befestigten Sicherheitskamera die Gespräche seiner Fahrgäste auf. Im Glauben, unbeobachtet zu sein, äußern die Fahrgäste sich kritisch, wenn auch oft etwas kryptisch, über gesellschaftliche und politische Themen.

Kryptische Formulierungen und symbolische Handlungen sind ein Kennzeichen des iranischen Kinos. Das liegt nicht nur an der strengen Zensur, die im Mittelpunkt von Panahis Film steht, sondern auch an der unvergleichlich starken Idiomatik der persischen Sprache. Diese scheint ausschließlich aus blumigen Metaphern zu bestehen – fast nichts ist wörtlich zu nehmen. Schon eine kurze Liebeserklärung etwa klingt wie eine Zeile aus einem Gedicht: “Ich liebe dich” – ghorbanat beram –  bedeutet wörtlich “ich opfere mich für dich”. Diese Gewohnheit der Iraner, sprachliche Äußerungen nie für bare Münze zu nehmen, führt dazu, dass sie empfänglicher für das Symbolische im Prosaischen sind.

Im Film zwängen sich zwei behäbige Damen in Panahis Taxi. Sie tragen ein Goldfischglas und behaupten, sie müssten sterben, wenn sie es nicht bis 12 Uhr mittags zu Alis Brunnen schafften, um ihre zwei Goldfische auszusetzen. Das Skurrile an dieser Szene ist nicht nur das hysterische Getue der Goldfisch-Frauen, sondern vor allem auch die Gelassenheit, mit der sich Panahi die Geschichte der beiden Frauen anhört, als gehörten solche Absurditäten zum Teheraner Alltag.

Mit meinem iranischen Taxifahrer führte ich keine absurden Gespräche. Er erzählte mir lediglich von seinem Karrierewechsel. Als ausgebildeter Ingenieur wollte er eigentlich Stadtplaner werden. Dann bekam er Ärger mit der Bassitchi – der iranischen Religionspolizei – und musste nach Deutschland fliehen. Jetzt fährt auch er Taxi.

Der Autor

Benjamin Dorvel ist aktueller treibhaus-Volontär bei der Agentur insglück in Berlin und war in der Premiere des Siegerfilms der Berlinale.

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